„Cuba te complica la vida“

Sequenzen aus einer Unterhaltung mit Fernando 1998 – also mitten in der ‚Sonderperiode zu Friedenszeiten.

Fernando: Hiermit geht’s schon los: früher gab es nur russische Filme, heute nur amerikanische, kaum europäische. Frei nach dem Motto des in Kuba immer zutreffenden Spruchs: no llegamos o lo pasamos. Bedeutet: „Entweder kommen wir gar nicht erst an, oder wir brettern vorbei.“ Wir Kubaner kennen keine Ausgewogenheit. Ich nenne dir mal ein paar Beispiele, an denen du erkennen kannst, wie verrückt unser Land ist:

A) ABSURD: Was brauchst du als Kubaner, wenn du ausreisen, Kuba verlassen willst: Du wirst eingeladen. Der, der einlädt geht in seinem Heimatland zur kubanischen Botschaft und unterschreibt die formularähnliche Einladung. Er unterschreibt, dass er alle Reisekosten, Übernachtung sowie Krankenversicherung – einfach alle Kosten übernimmt. Der Brief geht über den diplomatischen Weg nach Kuba und wird dir per Post zugestellt.

Mit der Einladung plus der Bewilligung von deinem kubanischen Arbeitgeber (plus Geburtsurkunde) gehst du zur Immigrationsbehörde. Die prüft deinen Status, Militär, Gefängnis…., wenn alles o.k. ist kriegst du den Wisch nach Hause geschickt. Mit dem gehst du dann zur entsprechenden Botschaft des Gastlandes, um dir dort das Visum ausstellen zu lassen. „„Cuba te complica la vida““ weiterlesen

„Im Takt der Revolution“ in Mazorra

‚Un momentico’ in Mazorra – Impressionen von einem Filmdreh an einem ‚verrückten’ Ort

Im Dezember 1998 haben der Autor und Filmemacher Stefan Tolz und ich mehrere Tage für den MDR den Beitrag „Im Takt der Revolution“ über das größte Blasorchester Kubas gedreht.

Einen kleinen Moment bitte heißt es beim Pförtner. Un momentico. Eine Situation, die an sich nicht weiter ungewöhnlich ist. Schon gar nicht in Kuba. ‚Un momentico‘ ist hier das Codewort für eine unbestimmte Wartezeit. Mit Kamera und Stativ stehen wir in den Startlöchern. Keine 500 Meter entfernt ist der Drehort: dort spielt das größte Blasorchester Kubas mit den besten Musikern dieser Insel. Auch das ist nicht weiter ungewöhnlich, zumindest nicht in Havanna, denn das Orchester spielt hier seit 40 Jahren jeden Dienstag- und jeden Freitagmorgen. Einzig ungewöhnlich ist, dass dieses Orchester weder für ein erlauchtes, noch für ein zahlendes Publikum spielt, sondern für die psychisch Kranken der größten psychiatrischen Heilanstalt Kubas: Mazorra in Havanna.

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Das kleine Privatrestaurant ‚Fresa y Chocolate‘ in Havanna lädt zum Speisen im filmischen Ambiente

Ein Königreich für Erdbeeren und Schokolade

Der Artikel ist aus dem Jahr 1999, als das Restaurant vor allem bei Prominenten berühmt war. Heute ist es vergrößert – und eine Goldgrube, so dass der Eigentümer das Haus bzw. den alten Palast auf eigene Kosten renovieren lässt, um den Bewohnern in den vielen kleinen Wohnungen rechts und links des Weges in seine oberste Etage u.a. wieder  Flure zu bescheren, über die man bedenkenlos laufen kann, ohne Angst zu haben, eine Etage tiefer zu landen.

Auf diesem Stuhl hat sie gesessen, die Königin Sofia von Spanien. Jetzt hängt der Stuhl an der Wand, umrandet von einem gemalten Thron, der Abbildung des Thrones, der seit 200 Jahren in Havanna darauf wartet, dass sich ein spanischer König draufsetzt.

Königin Sofia eilte bei dem ersten Besuch des spanischen Königpaares auf Kuba nicht zum Treffen der Staatschefs, auch nicht zur spanischen Botschaft, sondern zu ihrem höchst privaten Vergnügen in das mittlerweile legendäre Restaurant ‚Fresa y Chocolate‘ (Erdbeere und Schokolade) in Havanna. Hier speiste sie, begleitet von der Gattin des spanischen Ministerpräsidenten José Maria Aznar, des mittags in dem sonnendurchfluteten Raum in erlauchter Gesellschaft. Von den Wänden grüßen Stars und Sternchen aus dem Filmbusiness wie Jack Nicholson, Pierre Richard, Jean Paul Belmondo und Pedro Almodóvar. In edlen Rahmen verewigt, zeugen sie und andere Prominente mehr von ihrem Besuch bei ‚Fresa y Chocolate‘ oder La Guarida, wie das Restaurant offiziell heißt.

Restaurant 'Fresa y Chocolate' 1999, Foto dsp

 

Die Straße der Eintracht ist weder edel, noch die Gegend touristisch. Zufällig landet man nicht an diesem Ort, in diesem Haus. Der Zustand des in den 30er Jahren erbauten Gebäudes ist leicht marode, mittelmäßig verkommen. Doch die alte Pracht des Hauses ist sicht- und spürbar. Das Restaurant liegt im dritten Stock. Vorher passiert man ein offenes Zwischengeschoss, einen luxuriösen Flur, der Nutzungsraum der Hausgemeinschaft ist und mittlerweile beliebter Drehort für Fotoshootings. Ein Relikt großbürgerlicher Bauweise. Hier hängen die weißen Tischdecken von ‚Fresa y Chocolate‘ zum Trocknen und wehen fotogen im Wind.

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