Arbeitsbrigade unter Palmen

Nostalgie, Neugierde und ungebrochene Kuba-Reiselust führt deutsche Studenten in kubanische Produktionsgenossenschaften, März 2000

Da stehen sie gemeinsam auf dem Feld und hacken Yucca, jäten Unkraut, verjüngen Bananenstauden: acht junge Leute um die zwanzig aus Deutschland und der Schweiz. ‚Bei einfachen Arbeiten in den Stallanlagen und auf den Feldern lernt mensch die Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Alltagsprobleme kubanischer Bäuerinnen und Bauern unmittelbar kennen. Touristische Ausflüge in die Region ergänzen den Aufenthalt.‘ Das ist die Ankündigung der PDS nahen Stiftung Cuba-Sí für ihre drei dreiwöchigen Workcamps, die sie seit zwei Jahren in Kuba veranstalten. Die Provinz Sancti Spiritus, die fast in der geographischen Mitte von Kuba liegt, ist ein traditionelles Anbaugebiet für Zucker, Tabak, und Reis sowie für Viehzucht und Milchproduktion. In dem kleinen Dörfchen Managuco, das hauptsächlich aus einer Plattenbausiedlung besteht, hat Cuba-Sí ein landwirtschaftliches Selbsthilfeprojekt aufgebaut.

„Bei dem Workcamp geht es weniger um unsere Arbeitsleistung – denn auf die könnten die Kubaner auch locker verzichten – , sondern viel mehr darum, dass wir in Leben und Arbeit der Kubaner integriert sind, Hilfe und Interesse zeigen und auf diese Weise Kuba und seine Menschen kennenlernen,“ erklärt der Baumarktverkäufer Bernd den Sinn der Reise, die ihn im März 2000 nach Sancti Spiritus geführt hat.

Das Motto scheint aufzugehen: Silke würde am liebsten in diesem Jahr wieder mitfahren, um zu sehen, wie das Projekt voran geschritten ist und um die einmal gewonnenen Freundschaften zu den Kubanern zu vertiefen. „Am meisten hat mich die Fröhlichkeit und die Hilfsbereitschaft der Kubaner beeindruckt“, sagt die 33jährige Sozialpädagogin, die in einem Hamburger Krankenhaus für Psychiatrie arbeitet.

Der Tagesablauf:

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Gästehaus, wo die Gruppe aus Deutschland untergebracht ist, machen sich die selbst ernannten Landarbeiter auf den Weg: mit dem Fahrrad fahren sie zu dem ein Kilometer entfernten ‚Einsatzort‘. Je nach Bedarf kalken sie die Stallanlagen, oder helfen auf den Feldern mit. Nur zwei Stunden, denn um 11.00 Uhr wird es bereits so heiß, dass sie die Mittagspause beginnen. Zusammen mit den Kubanern essen sie das Kantinenessen und ruhen sich aus, bevor es um 14.00 Uhr mit der Arbeit weitergeht. Bis 16.00 Uhr versucht sich die bunt Truppe wieder in der Landarbeit, bevor sie den Abend einläuten. Ganz in der Nähe gibt es einen See mit einer Wasserbüffelzucht: beliebtes Ausflugsziel der Deutschen. Oft besuchen sie nach der Arbeit die neu gewonnenen kubanischen Freunde in der nahe gelegenen Plattenbausiedlung.

Wieder im Gästehaus angekommen, gibt es das von der Köchin zubereitete Abendessen, gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang in den nahen Bergen. Anschließend sitzen sie vor dem Haus und spielen mit kubanischen Freunden Domino. Den Rum holen sie sich aus der Privatbrennerei eines Dorfbewohners.

„Obwohl wir alle aus der linken Szene kommen, ist meine Reise nach Kuba nicht politisch motiviert“, sagt eine ehemalige Teilnehmerin. „Wir Ossis fühlen uns natürlich öfter an die ehemalige DDR erinnert, aber es ist nicht so, dass wir uns die Köpfe über die Vor- und Nachteile des Sozialismus heiß reden.“ Bernd, der Mitglied im PDS-Ortsverband ist, freut sich allerdings, die vorherrschenden sozialistischen Strukturen auf Kuba etwas näher kennen zu lernen. Auf jeden Fall sind sich alle einig, dass so ein workcamp die beste Form sei, Kuba kennenzulernen. Mit den’gemeinen’ Touristen wollen sie nicht verglichen werden.

Im Jahr 2000 haben die freiwilligen Landarbeiter aus Deutschland 2.100 DM für den Aufenthalt bezahlt. Im Jahr 2017 gibt es nach wie vor die Möglichkeit, über Cuba Sí an einem Camp teilzunehmen. Kostenpunkt: zwischen 1.300 und 1.700 € – in Abhängigkeit vom Flugpreis. Teurer also als ein günstiger Pauschalurlaub, den man schon ab ca. 900 oder 1.000€ für drei Wochen buchen kann. Dafür authentisch, abwechslungsreich und arbeitsintensiv. Und in jedem Fall sind die Workcamper offen für Kuba, seine Menschen und das Leben im Sozialismus. Das wird den Pauschalurlaubern bestimmt niemand nachsagen wollen.

 

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