Auferstanden aus Ruinen

Das klassische Ballett Pro Danza in Havanna hat kaum Mittel, dafür Erfolg – aus dem Jahr 1999

Ihre Eleganz ist bestechend, ihre Geschmeidigkeit verblüffend und ihr Lächeln unverkrampft und natürlich. Lisbeth, Mitglied und Solotänzerin in der Kompanie Pro Danza von Laura Alonso in Havanna, verzaubert ihr Publikum, wenn sie sich mit grazilen Sprüngen über das Parkett bewegt. Ihr Haar ist mit bunten Spangen zu einem Dutt zusammengefasst. Ihr dunkler Teint hebt sich ab von dem hellen Kostüm, das sie trägt. Lisbeth vereinigt die reizvollen Attribute im klassischen Ballett, die kubanische Tänzer im Ausland so beliebt machen. „Sie haben die Fröhlichkeit der Kubaner auf der einen und die Perfektion der Russen auf der anderen Seite“, beschreibt Radel, ihr Ehemann und ebenfalls Tänzer in der Kompanie die Kombination aus Leichtigkeit und Disziplin. Dabei sind die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, alles andere als optimal: die Ballettschuhe sind zerlöchert, die Kleidung verschlissen, der Boden wackelig, die Räume zu klein, das Gehalt ein Witz – und trotzdem, sind sie mit vollem Herzen dabei. Ihre größte Hoffnung ist es, für eine Zeit ein Engagement im Ausland zu bekommen.

Lisbeth, Pro Danza 1999, Foto dsp

Und so ist auch die Aufführung Coppelia im National-Theater von Havanna ein voller Erfolg: Die Tänzer bewegen sich mit einer Eleganz und Leichtigkeit, als würden sie ihr ganzes Leben nichts anderes tun als die Geschichte um den Coppelius und sein bizarres Figurenkabinett zu erzählen. Der Saal des Theaters ist ausverkauft, das Publikum verzückt. Für den Erfolg und die große Anzahl an erstklassigen Tänzern hat die 61jährige Direktorin von Pro Danza lange gekämpft und jeden Tag sucht sie nach neuen Wegen, ihre Schule und ihre Kompanie über Wasser zu halten, die sie vor 16 Jahren ins Leben gerufen hat.

Pro Danza wird im Gegensatz zum Nationalen Ballett, nicht vom kubanischen Staat finanziert. Aber genau dort hat es seine Wurzeln, im Nationalen Ballett. Laura Alonso nämlich bleibt der Tradition ihrer erfolgreichen Familie treu, die sich seit den 40er Jahren mit Haut und Haar dem Ballett widmet. Ihre Mutter Alicia Alonso ist noch heute, fast 80jährig, Direktorin des Nationalen Ballett Kubas, das sie 1961 mit ihrem Mann Alberto und dessen Bruder Fernando Alonso gründete. Als Prima Ballerina und Choreographin hat sich Alicia im klassischen Ballett auf der ganzen Welt einen Namen gemacht.

Laura hat mit drei Jahren angefangen zu tanzen, mit 15 Jahren war sie Solotänzerin und später hat sie lange Jahre ihrer Mutter Tanzunterricht gegeben. Der Mangel an gutem Nachwuchs brachte sie schließlich auf die Idee, ihre eigene Schule und Kompanie zu gründen und damit Glanz und Prestige des Nationalen Ballettes zu verlassen. Von nun an bewegt sie sich nicht mehr in den prachtvollen Salons des Großen Theaters von Havanna, das 1837 erbaut, eines der ältesten Lateinamerikas ist. Ihr täglicher Weg führt Laura Alonso heute in einen Vorort von Havanna. Der Sitz von Pro Danza ist ein Haus, das eher einer Ruine gleicht, denn einem intakten Gebäude. Dennoch gibt es auch hier Glanz, den von längst vergangenem Prestige: Die Villa, die 1850 von einem Zuckerbaron gebaut wurde, hat im Laufe ihrer 150 Jahre verschiedensten Interessen als Standort gedient: Als Sommerresidenz eines Präsidenten, als Bezirksverein, als Schule bis hin zur Tabakfabrik und Mechanikerwerkstatt. Die Zweckentfremdung hat dem Gebäude den Rest gegeben. Das Säulenportal am ehemaligen Haupteingang ist weggebrochen, ganze Räumlichkeiten sind ein- und abgebrochen, einfach eines nachts abgestürzt. Um Licht in machen Tanzsalons anzumachen, muss die Ballettlehrerin die aus der Wand stehenden Kabel einzeln miteinander verbinden. Ein leises Zischen kündigt die Erhellung an.

Mit viel Mühe hat Pro Danza das Herrenhaus überhaupt erst wieder funktionstüchtig gemacht. Bei Botschaften und im Ausland sammelt die Chefin Geld für die Restauration. Doch trotz Stadtruine und akuten Geldmangel hat die Kompanie und die ausgelastete Schule Erfolg. „Ihre Technik und ihre Disziplin sind außergewöhnlich, die Lehrer sehr professionell“ sagt eine 18jährige Tänzerin vom Nationalen Ballett in Buenos Aires, die hier wie viele andere Ausländerinnen einen Kursus macht. Auf der anderen Seite sind viele Tänzer und Professoren ins Ausland ‚ausgeliehen‘ – gleichzeitig ein herber Verlust und einzige Überlebenschance der Schule: ein hoher Prozentsatz der Gage geht an Pro Danza. So können weiter Tänzer ausgebildet werden und irgendwann einmal erhält die Villa vielleicht auch ihren alten Glanz zurück.