Aus dem Leben der ‚Jinetera’ Barbarita im Jahr 1998

Dieses Interview stammt aus einer Reihe von Interviews, die ein spanischer Soziologe 1998 in Havanna aufgezeichnet hat.  Einige von ihnen habe ich gekürzt und übersetzt.

Barbarita: Jinetera und Mutter von Michael

…ich habe angefangen, mit Männern Kontakt zu haben, als ich noch ein Mädchen war
Ich habe schon viele Männer gehabt. Jetzt bin ich 36 Jahre alt. Das erste Mal war ich noch sehr jung – 14 Jahre alt -, einen Monat bevor ich 15 geworden bin.

Mit 16 Jahren habe ich geheiratet, er war der Vater meines ersten Sohnes. Wir waren nur drei Monate zusammen. Ich habe ihn in einer der Stranddiskotheken kennengelernt, in die ich immer gegangen bin. Die Beziehung hat nicht funktioniert, weil er es nicht aufrichtig meinte mit mir: Ich bin in der kurzen Zeit schwanger geworden und er hat aufgehört, mich zu besuchen. Das war meine erste Schwangerschaft. Ich war ziemlich desillusioniert.

Als ich im dritten oder vierten Monat war, habe ich zufällig einen Freund von ihm getroffen, der mir sagte, dass er aus Kuba weg sei. Ich wußte nicht, dass seine ganze Familie bereits außerhalb von Kuba lebte. Er wartete nur auf seine Ausreise und vor dem Hintergrund war ihm alles egal. Er hat seinen Sohn nie gesehen. Mein Sohn wirft mir vor, dass er nichts von seinem Vater weiß und ich sage ihm nur, dass sein Vater in den USA ist.

Ich weiß, dass der Vater meines Sohnes Roberto heißt, aber ich weiß weder seinen Nachnamen noch sonst irgendetwas, ich habe ihn nie wieder gesehen. Ich habe die Hoffnung und das Herz einer Frau und Mutter, dass ich ihn eines Tages, wenn ich in die USA gehen sollte, wiederfinde. Ich habe nie versucht, ihn ausfindig zu machen, weil ich keine Mittel habe. Sein Freund will mir nicht helfen…. Es ist Gott, der sich unserer Probleme annimmt. Gott wird ihn suchen…

…mein zweiter Mann: der beste Junge von Cayo Hueso…

Mit 17 habe ich meinen zweiten Mann kennengelernt, einer der besten Jungs, die es in Cayo Hueso gab. Wir waren zwei Jahre zusammen. Ich lebte mit ihm in der Wohnung seiner Mutter. Aus Mangel an Erfahrung habe ich mich mit ihm gestritten. Weil er mit Mädchen, Freundinnen von mir ausgegangen ist, immer viel getrunken hat und sich dann mit ihnen eingelassen hat.

…Miguelito: ich habe mich neun Jahre lang mit ihm gestritten, aber er ist der Mann, der mich am meisten geliebt hat…

Mit 18 Jahren habe ich Miguelito kennengelernt, ein Kerl, der in der Altstadt von Havanna lebte. Zwei Jahre lang war ich seine Geliebte, bis seine Frau dahinterkam…

Ich lebte allein in meiner Wohnung in Los Pinos. Miguelito kam mich immer besuchen. Wir haben zusammen was getrunken, haben miteinander geschlafen, wir waren sehr verliebt Er erzählte mir, dass die Ehe mit seiner Frau nicht gut lief. Mit mir dagegen wäre es genau das richtige und er würde sich verstanden fühlen. Er hat seine Frau verlassen und wir haben zusammen in Alt-Havanna gelebt. Wir haben sechs Jahre zusammengelebt, ich war Hausfrau, ich habe immer auf meinen Mann zu Hause gewartet. Miguelito war ein streitsüchtiger Mensch, der jeden Tag trank.

… Miguelito war der Horror wenn er trank…

Der Kubaner an sich ist super eifersüchtig und wenn er trinkt, schlägt er gerne seine Frau. Miguelito war einer von denen, Alkohol gab ihm diese Stärke. Er war eine tolle Person, wenn er nicht trank, aber wenn er trank war er der blanke Horror.

Wenn Miguelito sich betrank, hatte er Lust mich zu schlagen und ich musste mich verstecken. Ich musste in eine andere Stadt fliehen, nach Matanzas, Cienfuegos oder Pinos. Wenn ich zurückkam, habe ich wieder Schläge einkassiert, aber ich musste zurück. Ich wollte meinen Geschwistern nicht zur Last fallen.

Neun Jahre lang habe ich diese schlechte Behandlung ertragen. Meine Schwiegermutter sagte immer: Barbarita, du musst Dich wehren, erlaub‘ so etwas nicht, gib ihm eine Ohrfeige oder schmeiß‘ mit einem Krug nach ihm.

Ich fing an mich zu wehren, wie meine Schwiegermutter mir sagte. Das hat die Sache nur noch schlimmer gemacht, er hat mich noch schlimmer geschlagen, aus Eifersucht, wegen meines vergangenen Lebens, weil ich Prostituierte sei, dabei habe ich ihn nie betrogen, nicht mal in Gedanken. Auch wenn er mich geschlagen  

hat, bin ich davon überzeugt, dass er der Mann ist, der mich in meinem Leben am meisten geliebt hat. Miguelito hat mich auf seine Weise geliebt. Ich bin nicht masochistisch. Miguelito war ein Sadist, er hat all seine Frauen und Geliebten geschlagen. Aber er hat mich wahnsinnig geliebt, genauso meinen Sohn Michael.

Immer wenn er mich geschlagen hat, hat er zwei Wochen nicht getrunken, mich um Entschuldigung gebeten, mir immer alles Mögliche gekauft. Er hat meinen Sohn auf dem Lastwagen mitgenommen, damit er die Auslieferungen begleite. Er hat mich geschlagen, wenn er den Kopf verloren hat, wenn er sich aufgeregt hat, wenn er sich betrunken hat. Er schlug mich und anschließend wollte er mit mir schlafen. Das hat ihn immer geil gemacht, mich zu schlagen. Ich hatte oft eine Angst vor Miguelito, dass ich fast gestorben bin. Ich habe ihn nicht mal in Gedanken betrogen, so einen Schiss hatte ich. Aber Miguelito hat mich auch für meine Ex-Freunde geschlagen. Und wenn ich mit ganz Havanna zusammengewesen wäre, ich hätte es ihm nicht gesagt. Man konnte nicht mit ihm reden. Er hat mich geschlagen, wenn er Lust hatte und er hat mit mir geschlafen wann immer er Lust hatte auch wenn ich keine hatte.

Einmal sind wir mit drei Pärchen im Restaurant El Polinesio im Havanna Libre essen gegangen. Wir aßen gerade, als er mir einen Kuss gab. Einen Kuss, bei dem er mir feste in die Lippen gebissen hat, um mich zu ‚ärgern‘. Ich habe ihm gesagt, dass alle Schwarzen gleich seien, und bin aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen. Er kam hinterher und hat mich auf der Toilette des Restaurants geschlagen, so dass sie uns rausgeschmissen haben. Mitten im Havanna Libre hat er mich geschlagen. Ein Militärwagen hielt und Miguelito wollte sich auch noch mit denen anlegen, es war wirklich schlimm.

…das Ende mit Miguelito: Messer auf dem Wohnzimmertisch…

Um endlich von Miguelito loszukommen habe ich angefangen, auf einer Polizeistation als Küchenhilfe zu arbeiten. Er kam mich immer am Eingang der Wache abholen. Miguelito war ein Hehler, er hat vom Laster gelebt, vom Stehlen und Verkaufen von Sachen. Er wollte nicht, dass die Polizei ihn sah und ihn wieder erkannte.

Dann hat er sich vorgestellt, dass ich mich in den Büros mit den Polizisten eingelassen und mit ihnen geschlafen habe. Er hat mich als Schlampe und Nutte beschimpft. Da habe ich es nicht mehr ertragen und im Morgengrauen, habe ich ihm seine Koffer und drei Tüten mit Klamotten gepackt. Auf den Wohnzimmertisch habe ich eine Machete und mehrere Messer gelegt und sehr theatralisch zu ihm gesagt: Entweder tötest Du mich oder ich töte Dich, aber unsere Beziehung hat ein Ende! Er wollte mir drohen, aber ich konnte nicht mehr mit ihm weitermachen. Ich hatte die Angst verloren und wollte einfach nicht mehr. Ich bat ihn zu gehen, da fing er an, sich zu erniedrigen und zu heulen.

…mein Geliebter, der Polizeihauptmann

Ich habe ihn mit seinen Koffern zur Bushaltestelle begleitet, er ist gegangen und hat mich zwei Wochen in Ruhe gelassen bis wir uns zufällig auf einer Polizeiparty getroffen haben. Ich habe mich ihm gegenüber schlecht benommen, so dass er sich extrem aufgeregt hat und nachts zu mir nach Hause kam. Aber in dieser Nacht war ich mit meinem Geliebtem, dem Polizeimeister zusammen…

Miguelito hat mich geschlagen und mein Geliebter, der Hauptmann hat sich mit Miguelito angelegt. Er kam nie wieder.

Miguelito ging als Balsero mit dem Geld, dass eine Prostituierte, mit der er zusammen war, verdient hatte. Heute sind sie in den USA und haben eine Tochter. Er hat mir eine wunderschöne Postkarte geschickt, auf der stand, dass er mich unglaublich vermissen würde, dass er weder die Zeit vergessen würde, die er mit mir zusammen war, noch all die Dinge, die wir zusammen erlebt haben. Er sei verrückt danach, mich zu sehen und vermisse meinen Sohn. Ich habe mit Miguelito auch einmal telefoniert, er wurde sehr nervös, ihm fiel nicht mehr ein, als mich nach Michael zu fragen.

…mit meinem Freund Guichi habe ich heimlich Bier verkauft…

Ein Jahr später lernte ich Guichi kennen, als ich Bier literweise verkaufte. Er hob ein 30 Liter Tank Bier auf mein Fahrrad. Das Bier kaufte ich den Bierausfahrern ab, die es wiederum dem Staat geklaut haben, so der Deal. Wir haben es in den einzelnen Vierteln für 20 Pesos den Liter verkauft. Ich kannte 10 oder 15 illegale Brauereien und besonders die Sonntage waren gut zum Verkauf. 1994 war das verrückte Jahr für Los Pinos, das war die größte Diskothek von Havanna, eine illegale Diskothek.

Guichi war 28 Jahre alt, groß und hatte eine ziemlich helle Hautfarbe, sehr gut aussehend (lacht). Er hat mich nur ein einziges Mal geschlagen und das aus Versehen. Ich habe ihn kennengelernt, als er arbeitslos war und sich gerade dabei war, von seiner Frau zu trennen. Er liebte seine Frau, hat aber trotzdem mit mir geschlafen. Er kam mich alle zehn Tage einmal besuchen, ein Jahr später hat er sich von seiner Frau getrennt und kam, um mit mir zu leben.

…ich wollte Balsera sein hatte aber Angst vor dem Hai Pepe.

Er ist in das Biergeschäft mit eingestiegen, es lief gut, aber er entschied sich, Balsero zu werden. Ich wollte mit ihm gehen, aber ich bekam Angst vor dem Hai Pepe. Außerdem war mein Sohn erst 12 Jahre alt und ich konnte ihn nicht alleine lassen. Pepe war der Hai, der die meisten kubanischen Balseros gefressen hat.

Guichi ist mit ein paar Freunden zusammen eingeschifft, auf ein Floß mit Eisen, Zink und mit Kanistern. Das Floß bestand komplett aus Metall, das einzige aus Holz, waren die Ruder. Aber als sie das Floß zu Wasser ließen, ging es unter (lachte). Und sie begannen wieder das Lied zu singen mit dem Text: Ans Ruder, ans Ruder, ans Ruder, auf dass die Jungfrau von Regla mit uns ist (lacht). Indem sie dieses Lied sangen, konnten sie ans Ufer zurückkehren, die Einschiffung kam nicht vorwärts, das Boot sank jedesmal tiefer.

Jeder Lastwagenschlauch kostete 500 Pesos und die Tanks 400 bis 500 Pesos. Am Ende hat er sich ein kleineres Floß gekauft und ist damit geflohen. In einer Nacht ist er gegangen. Er landete in dem amerikanischen Militärstützpunkt von Guantanamo. Von dort aus ist er in die USA und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

Wir Frauen sind diejenigen, die die Schläge einstecken.

Die Kubaner sind große Machos, sie können soviel Bier trinken, wie sie wollen, nach Hause kommen, wann sie wollen, können soviel sie wollen mit Frauen ausgehen und können ihre Frauen schlagen. Wenn die Kubanerin das gleiche macht, bezieht sie Schläge. Seit dem Fidel uns die Gleichberechtigung gab, können wir jedes Mal, wenn uns ein Mann schlägt, zur Polizei gehen und die Männer wandern für drei Monate ins Gefängnis.

Der Mann kann seine Frau nicht misshandeln, wenn die Frau das nicht will. Das kann den Mann fünf Jahre Knast kosten. Es wird geahndet wie Vergewaltigung. Es hat allerdings nicht viel Sinn, zur Polizei zu gehen, denn wenn der Mann raus kommt, gibt’s auf neue Schläge.

Mein Sohn Michael ist der einzige Mann, den ich in meinem Leben behalten habe.

Nach Guichi kam Ataulfo, ein völliges Abenteuer. Wir hatten keine feste Beziehung. Heute ist mein Sohn die einzige Familie, die ich in meinem Leben habe. Er ist jetzt 17 Jahre alt und macht eine Lehre in der Industrie. Er lernt, industrielle Maschinen zu reparieren und zu montieren. Er ist mein Leben, er ist der einzige Mann, den ich halten konnte. Um ihn nicht einfach zurück zu lassen, konnte ich in meinem Leben keinen Erfolg haben.

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