Chronik

Wie alles anfing

Eine fixe Idee wurde Wirklichkeit: jeweils vier Monate in den Jahren 1998/99 und 2000/01 verbrachte ich auf Kuba – vorwiegend in Havanna. Als Journalistin war ich akkreditiert für Prisma, den MDR und Arte, habe geschrieben, recherchiert und gedreht. Herausgekommen ist eine unvergessliche Zeit, ein regelmäßiger Brief aus Havanna, ein Magazinbeitrag für den ARD-Kulturreport, eine Reisedokumentation für Arte, unzählige andere Geschichten – viele davon nie veröffentlicht – und natürlich jede Menge Fotos. Hier also eine verspätete Gelegenheit, die fast vergessenen Geschichten lesbar zu machen.  

Malecon

Die folgende Liebeserklärung an Havanna habe ich geschrieben, als ich kaum etwas von Kuba wusste. Es war mein erster Eindruck.

Der gesammelte kubanische Wahnsinn hat sich mir erst im Laufe der Zeit langsam, aber kontinuierlich erschlossen. Auch dazu gibt es Texte.

Der Faszination für Kuba hat das keinen Abbruch getan.

Havanna mi amor – ein Ort, wo Liebe und Schönheit greifbar sind

Havanna verzaubert – ohne Zweifel. Des Trankes Mischung: die Pracht der Bauwerke, die Schönheit der Häuser. Der Malecon, Havannas Uferpromenade, die sich um die halbe Stadt windet. Und besonders die Menschen. Die Kubaner, die mir mit einer charmanten Liebenswürdigkeit entgegnen: „Nein meine Liebste. Klopapier gibt es nicht. Aber der Rock steht Dir hervorragend.“ Im nächsten Geschäft: „Nein mein Himmel, wir haben heute keine Milch. Aber vergiss nicht wiederzukommen, wenn Du mich heiraten willst“. Der Einkauf in der Mangelwirtschaft zieht sich wieder mal in die Länge. Es entschädigt die Schönheit Vedados, zentrales und ehemals großbürgerliches Viertel von Havanna. Von den eleganten Stadthäusern und Villen in Neoklassik, Jugendstil oder Art Deco geht eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Selbst wenn sie zerbröckeln. Viele der alten Villen sind zu Mehrfamilienhäusern umgewandelt oder zu Schulen und Kindergärten umfunktioniert. Das macht die Häuser keinesfalls eleganter – im Gegenteil. Aber die Straßen viel belebter. Das Viertel ist großzügig angelegt mit seinen vielen kleinen Parks und den zum Teil 100 Jahre alten schattenspendenden Bäumen. Zwischen ihnen bricht das warme Licht und es weht eine frische Brise vom Meer.

Die Habaneros und Touristen zieht es zum Malecon wie den Frosch zum Teich. Der Malecon ist Wahrzeichen von Havanna, Treffpunkt und Aussichtsplattform zugleich. Auf der breiten Kaimauer, die sich die drei Stadtteile Vedado, Centro Havanna und Althavanna entlangzieht, sitzen Mütter mit ihren Kindern, warten Touristenjäger auf ihre Opfer, versuchen Erdnuss-Verkäufer ihre spitzen Tütchen gerösteter Nüsse zu verkaufen. Angler warten auf den großen Fang, Liebespaare geben sich der Romantik des Augenblicks hin, Freunde schmieden Pläne. Die Sonne steht tief, der Himmel fängt an, sich rot zu färben. Spätestens in einer halben Stunde wird die Sonne irgendwo am Horizont ins Meer eintauchen. Es ist die Zeit, wo die Menschen in Scharen zum Malecon strömen. Ich gehe immer weiter: links das Meer, rechts Havanna . Vorbei am Hotel Nacional, das auf den Felsen gebaut, erhaben über dem Malecon thront. Weiter Richtung Centro Havanna, dort wo es den Einwohnern ein Bedürfnis ist, Abend für Abend der Dichte ihrer engen Straßen und Wohnungen zu entfliehen und für einen Moment von der großen Welt zu träumen. Nur zu träumen, denn nichts lieben die Habaneros so sehr wie ihr Havanna. Und das liegt in der Luft. Die Liebe zu der eigenen Stadt, die trotz massiven Zerfalls eine atemberaubende Schönheit und Vitalität ausstrahlt.