‚Die Entdeckung der Langsamkeit‘

Ein ganz normaler ‚Arbeitstag‘ in Kuba  –  aus dem Jahr 1999 

An diesem Tag steht nur ein Programmpunkt auf dem Tagesplan: Guillermo, den Lehrer für modernen Tanz im Großen Theater von Havanna zu treffen. Ein theoretisch einfaches Unterfangen, wären da nicht die vielen kleinen kuba-spezifischen Hindernisse. Mein Versuch am Vortag scheiterte an der internen Weihnachtsfeier. Betrachte es als Aufwärmtraining. Um 10.00 Uhr mache ich mich auf den Weg, genauer auf den Umweg. Die Straße, die auf direktem Weg in die Altstadt führt, ist gesperrt. Das ist sie zur Zeit täglich, nur normalerweise erst nachmittags. An diesem Morgen findet ein Protestmarsch hin zur amerikanischen Interessensvertretung statt, an dem 100 000 Kubaner die Rückkehr des sechsjährigen Jungen Elian fordern. Eine Variante der sogenannten Akts, bei der nachmittags auf einer Bühne vor der US-Interessensvertretung Kinder die Freiheit von Elian fordern und die kubanische Revolution besingen, und unzählige Redner in abgewandelten Worten immer das Gleiche proklamieren: die Freiheit von Elian. ER soll zurück in seine Heimat und zu seinem Vater. Der Junge hat im Gegensatz zu seiner Mutter, die Flucht in die USA überlebt und wird jetzt zum Spielball kubanischer und exilkubanischer Interessen.

Ich finde also einen anderen Weg in die Altstadt. Am Gran Teatro angekommen, sagt mir eine Portiersfrau am Haupteingang: „Guillermo? Keine Ahnung, da musst Du am Nebeneingang fragen. Die wissen Bescheid“. Gut, gehe ich um die Ecke. Am Nebeneingang sitzt hinter einem Schreibtisch eine ältere Frau. Neben ihr eine 25 jährige, die halb über den Tisch hängt. Beide sind Portiersfrauen für den Nebeneingang. „Guillermo? Wer ist das? Ne, den habe ich heute noch nicht gesehen. Der ist hier nicht vorbeigegangen“. Ich bitte sie, vielleicht genauer nachzuforschen. Widerwillig benutzt sie das Telefon. „Ne, nicht da. Am Nachmittag“ ist alles was sie sagt, bevor sie sich wieder dem Mittagessen-Gespräch mit ihrer Kollegin zuwendet. Zwischen 11.30 Uhr und 14.00 Uhr sind offizielle Stellen in Kuba in der Regel paralysiert. Grund: das Mittagessen. Entweder dreht es sich darum, wer wann geht, oder sie sind essen. Ich beuge mich dem Zwang zur Mahlzeit und treffe einen Freund zum Mittagessen. Das sollte auch der einzig gelungene Akt meines Vorhabens bleiben. Gestärkt, guter Laune und mit Vorfreude auf die bevorstehende Teilnahme an dem Ballettunterricht, gehe ich zurück zum Nebeneingang. „Ne, der ist nicht da“, war die einzige Aussage, derer die gute Portiersfrau fähig war. Die junge Dame von heute Morgen vom Haupteingang wiederum steht zu einem Pläuschken am Nebeneingang und beobachtet mein verzweifeltes Gesicht: „Komm mit mir, ich habe ihn gesehen, er ist kurz Mittag essen, müsste aber gleich wieder vorne reinkommen.“ Ich gehe mit. Alle Versuche, die dreiköpfige Portiersmannschaft am Haupteingang zu überreden, mich doch einfach selber nachforschen gehen zu lassen als der Angekündigte nicht kommt, scheitern an einem kategorischen Nein.

Gran teatro neben dem Hotel Inglaterra

Ausländer dürfen nicht ohne Begleitung ins Gran Teatro. Die Begleitung kostet zwei Dollar und das Ticket für die Führung holt man sich an der Kasse am anderen Hauteingang. OK, aber irgendetwas muss passieren, sonst wachse ich fest. Eine ältere Portiersfrau bietet sich mürrisch an, doch mal schauen zu gehen, als ich insistiere. Doch in dem Moment, wo ich mich umdrehe, hatte sie den Vorschlag bereits verdrängt und widmet sich wieder ganz den Ausführungen der gestrigen Weihnachtsfeier. Ich vergesse meinen höflichen Ton und sage: „Irgendetwas muss passieren, und zwar sofort. Ich gehe jetzt selber hoch.“ Mittlerweile ist wieder eine Stunde vergangen. Nein auf keinen Fall. Erschrockene Gesichter. Aber im Nebeneingang könnte ich mir einen Passierschein holen. Ja und warum nicht eher? Im Nebeneingang sitzt immer noch die gleiche Frau und telefoniert gelangweilt mit einer Freundin. Meine Präsenz stört sie nicht weiter. Das Gespräch wird schließlich von selbst unterbrochen. Die Leitung bricht ab – passiert öfter. Einen Passierschein, ja klar, den kann sie mir ausstellen. Meinen Pass bitte. Zehn Minuten später hat sie meinen Vornamen, meinen Geburtsort als Nachname und die Passnummer übertragen. Ich darf endlich die Treppe hochgehen. Mittlerweile ist es 16.00 Uhr. Ich treffe einen Tänzer und frage ihn nach Guillermo. „Guillermo…, der Tanzlehrer der nationalen Ballettschule…, ja der ist weg. Der war nur heute Vormittag hier“.