„Im Takt der Revolution“ in Mazorra

‚Un momentico’ in Mazorra – Impressionen von einem Filmdreh an einem ‚verrückten’ Ort

Im Dezember 1998 haben der Autor und Filmemacher Stefan Tolz und ich mehrere Tage für den MDR den Beitrag „Im Takt der Revolution“ über das größte Blasorchester Kubas gedreht.

Einen kleinen Moment bitte heißt es beim Pförtner. Un momentico. Eine Situation, die an sich nicht weiter ungewöhnlich ist. Schon gar nicht in Kuba. ‚Un momentico‘ ist hier das Codewort für eine unbestimmte Wartezeit. Mit Kamera und Stativ stehen wir in den Startlöchern. Keine 500 Meter entfernt ist der Drehort: dort spielt das größte Blasorchester Kubas mit den besten Musikern dieser Insel. Auch das ist nicht weiter ungewöhnlich, zumindest nicht in Havanna, denn das Orchester spielt hier seit 40 Jahren jeden Dienstag- und jeden Freitagmorgen. Einzig ungewöhnlich ist, dass dieses Orchester weder für ein erlauchtes, noch für ein zahlendes Publikum spielt, sondern für die psychisch Kranken der größten psychiatrischen Heilanstalt Kubas: Mazorra in Havanna.

Noch ein ‚un momentico‘, dann scheint unser Kommen rückversichert genug. Wir fahren los, biegen um die Ecke und… auf dem Platz, auf dem Rasen, auf den Stühlen unter dem Pavillondach – gähnende Leere.

Von den erwarteten 80 Musikern stehen 10 in dem kleinen Raum, wo die großen Instrumente aufbewahrt werden. In Jacken gehüllt, Kapuzen und Mützen über Kopf und Ohren gezogen. Unter den Hosen gucken mehr Hosen hervor. Es ist kalt in Kuba, aber vor allen Dingen: Es hat geregnet. ‚Lluvió’ ist auch ein Codewort und bedeutet mit Subtext: wenn es regnet geht gar nichts. So wie an diesem Dienstagmorgen. Nur ein einziger Musiker des gesamten Orchesters besitzt ein Auto. Der Rest der Mannschaft kommt mit dem Bus, außer Jesus, der nimmt sein Fahrrad. Aber alle, einschließlich der Busfahrer warten darauf, dass es aufhört zu regnen.

Was geben das für klägliche Bilder? Schließlich sind wir gekommen, um das bizarre und besondere der Situation zu filmen: Das größte Orchester Kubas mit erstklassigen Musikern besetzt, sitzt unter einem Pavillondach und spielt bei strahlendem Sonnenschein für die ‚Verrückten‘ von Mazorra. Stattdessen hocken ein paar dick eingemummelte Gestalten unter dem Dach, frieren und pusten unmotiviert in ihre Instrumente?

Neuer Tag neues Glück. Am Mittwoch um halb neun Uhr morgens stehen wir wieder beim Pförtner. Diesmal winkt er uns durch wie alte Freunde. Das Orchester spielt nicht, dafür gibt uns der Direktor ein Interview. Dr. Ordaz ist in Kuba bereits eine Legende: Er gilt in und mit seiner Anstalt Mazorra als Miniaturausgabe von Fidel Castros Kuba. Die alte Direktionsvilla, in der er residiert, hat an herrschaftlichen Glanz verloren. Nach einem ausgedehnten ‚momentico’, werden wir zu ihm gebeten. Sein kleines Büro ist nur mit Neonlicht beleuchtet. Die Wände hängen voller Orden und Medaillen, von Arbeitseinsätzen, für Fleiß, soziale und tapfere Leistungen. Mit dem revolutionären Stolz eines ehemaligen Kämpfers an der Seite Fidel Castros, erzählt uns der Direktor seine Geschichte: wie er vor 40 Jahren nach dem Sieg der Revolution sich direkt dieses Hospitals angenommen hat. Zu Batista-Zeiten die Hölle mit konzentrationslagerähnlichen Zuständen, habe er aus einer erbärmlichen Institution die angesehenste psychiatrische Anstalt Kubas gemacht. Unter dem Hut des Direktors, der wie sein Genosse Fidel Castro sein altes Kämpferoutfit nicht ablegt, wallt dichtes schwarzes Haar hervor. Seinem Vollbart scheint er mit ein wenig schwarzer Farbe nachgeholfen zu haben. Mehrmals sichert uns Ordaz zu, dass wir überall rein und filmen dürfen. Als Vertrauensperson gibt er uns Señor Valdes an die Seite, der uns begleiten und unseren Dreh erleichtern soll, so zumindest hatten wir es verstanden. Ein Missverständnis: Wir haben den freundlichen älteren Herrn mit dem verinnerlichten ‚un momentico‘ den ‚Bürokraten‘ getauft.

Der Freitag ist der Höhepunkt: sowohl für uns, als auch für Dr. Ordaz, der 40 Jahre Amtszeit von Mazorra feiert. Der Pförtner winkt uns durch, die Sonne scheint, die Musiker sind alle gekommen und freuen sich, dass wir filmen. Die Stücke klingen wunderschön. Pepin Deske, der Tenor des Orchesters gibt alles, alles für uns. Der Querflötenspieler Jesus, flötet was das Zeug hält und die anderen tun es ihnen gleich. Auch zum Festakt zu Ehren des Direktors bauen wir die Kamera auf: Kleine Kinder übergeben 40 Blumen, Studenten tragen Fahnen und Krankenschwestern überbringen Torten. Eine Rede folgt der nächsten und der wieder eine Lobhuldigung. Wir packen ein und fahren zum berüchtigten Lagerhaus. Es ist noch mit Zaun und Wachpersonal abgesichert. Wer wir denn seien und was wir wollten. ‚Un momentico’. Wer uns denn autorisiert habe? ‚Un momentico’. Dann sollten wir doch später wieder kommen, wenn die ganze Delegation vom Festakt einmarschiert. ‚Un momentico’. Ah, Sie wollen schon mal aufbauen. ‚Un momentico’. Der dritte Mann, der an den Zaun kommt, ist ohne Zweifel der Chefbürokrat: das sei ja wohl mangelnde Disziplinlosigkeit und außerdem völlig respektlos, hier schon einfach vorher anzutanzen. Das Gesicht des Kameramanns färbt sich rot. Der Chefbürokrat lässt uns rein.

Das ehemalige Kühlhaus dient jetzt Empfängen. Die Decken sind hoch, die Wände gekachelt, der Boden aus Stein und über den noch funktionstüchtigen alten Kühlschränken mit den drei Meter hohen Metalltüren, sitzt direkt unters Dach geklemmt das Blasorchester auf einer Art Podium und wartet auf den Einmarsch von Dr. Ordaz und seinen Gästen. Dann endlich kommt der Moment: Die Eingeladenen werden vom Chef persönlich angeführt und schnurstracks in die Mitte des in langen Reihen aufgebauten Buffets geleitet. Wie die Geier stürzen sich die Gäste auf das Buffet. Wurst, Eier, Huhn und frittierte Bananen schaufeln sie sich auf schwarze Plastikteller. Randvoll, wieder und wieder. Hastig stopfen sie sich das Essen in den Mund. Unsere allzu deutsche Antwort ‚erst die Arbeit, dann das Vergnügen‘ auf die Aufforderung doch endlich zuzuschlagen, wollen sie nicht akzeptieren.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.