Das kleine Privatrestaurant ‚Fresa y Chocolate‘ in Havanna lädt zum Speisen im filmischen Ambiente

Ein Königreich für Erdbeeren und Schokolade

Der Artikel ist aus dem Jahr 1999, als das Restaurant vor allem bei Prominenten berühmt war. Heute ist es vergrößert – und eine Goldgrube, so dass der Eigentümer das Haus bzw. den alten Palast auf eigene Kosten renovieren lässt, um den Bewohnern in den vielen kleinen Wohnungen rechts und links des Weges in seine oberste Etage u.a. wieder  Flure zu bescheren, über die man bedenkenlos laufen kann, ohne Angst zu haben, eine Etage tiefer zu landen.

Auf diesem Stuhl hat sie gesessen, die Königin Sofia von Spanien. Jetzt hängt der Stuhl an der Wand, umrandet von einem gemalten Thron, der Abbildung des Thrones, der seit 200 Jahren in Havanna darauf wartet, dass sich ein spanischer König draufsetzt.

Königin Sofia eilte bei dem ersten Besuch des spanischen Königpaares auf Kuba nicht zum Treffen der Staatschefs, auch nicht zur spanischen Botschaft, sondern zu ihrem höchst privaten Vergnügen in das mittlerweile legendäre Restaurant ‚Fresa y Chocolate‘ (Erdbeere und Schokolade) in Havanna. Hier speiste sie, begleitet von der Gattin des spanischen Ministerpräsidenten José Maria Aznar, des mittags in dem sonnendurchfluteten Raum in erlauchter Gesellschaft. Von den Wänden grüßen Stars und Sternchen aus dem Filmbusiness wie Jack Nicholson, Pierre Richard, Jean Paul Belmondo und Pedro Almodóvar. In edlen Rahmen verewigt, zeugen sie und andere Prominente mehr von ihrem Besuch bei ‚Fresa y Chocolate‘ oder La Guarida, wie das Restaurant offiziell heißt.

Restaurant 'Fresa y Chocolate' 1999, Foto dsp

 

Die Straße der Eintracht ist weder edel, noch die Gegend touristisch. Zufällig landet man nicht an diesem Ort, in diesem Haus. Der Zustand des in den 30er Jahren erbauten Gebäudes ist leicht marode, mittelmäßig verkommen. Doch die alte Pracht des Hauses ist sicht- und spürbar. Das Restaurant liegt im dritten Stock. Vorher passiert man ein offenes Zwischengeschoss, einen luxuriösen Flur, der Nutzungsraum der Hausgemeinschaft ist und mittlerweile beliebter Drehort für Fotoshootings. Ein Relikt großbürgerlicher Bauweise. Hier hängen die weißen Tischdecken von ‚Fresa y Chocolate‘ zum Trocknen und wehen fotogen im Wind.

‚Fresa y Chocolate‘ ist keine Touristenfalle, sondern ein Geheimtip. In diesem immensen Gebäude aus der Jahrhundertwende mit vier Stockwerken und zwei Hinterhöfen, seinen saalartigen Treppenaufgängen, wurde 1993 der Film ‚Fresa y Chocolate‘ gedreht. Er bekam 1994 auf dem iberoamerikanischen Filmfest in Havanna nicht nur den ersten Preis, sondern wurde auch als erster kubanischer Film für den Oskar vorgeschlagen. Auf den Filmfestspielen in Berlin gewann er den goldenen Bären. Drei Monate lang wurde hier gedreht, in dem Restaurant, das damals noch Wohnung war. Die Wohnung der Eltern des jetzigen Besitzers von ‚Fresa y Chocolate‘, Enrique Nuñez. Als er 1993 das Drehbuch für den Film las, das ihm ein befreundeter Regieassistent in die Hand drückte, war klar: der gesuchte Drehort passte haarscharf auf die Wohnung seiner Eltern, auf das Haus, in dem er groß geworden ist.

Nach dem Ende der Dreharbeiten zogen Enriques Eltern wieder zurück in ihre Wohnung. Als zwei Jahre später der Film im Ausland so bekannt geworden ist, bekam die Wohnung einen musealen Charakter. Viele Menschen wollten plötzlich Kuba kennenlernen und wollten an den Drehort dieses bizarren und sehr humorvollen Films, der die Freundschaft zwischen einem engagierten Kommunisten und einem sympathisch verrückten Homosexuellen erzählt. Zur Postfilm-Ära klopften ständig Neugierige an die Tür. Als sich Enrique bei einem Mittagessen in der Wohnung seiner Mutter plötzlich mit zwei Japanerinnen konfrontiert sah, war die Idee geboren: Die Wohnung als Ex-Drehort wird in ein Paladar, ein Privatrestaurant umgewandelt.

So ist ‚Fresa y Chocolate‘ heute eines der zahlreichen Privatrestaurants auf Kuba, das nach stark reglementierten Auflagen funktioniert. Die monatlichen Steuern sind unverhältnismäßig hoch, nur zwölf Stühle darf es geben, nur Familienmitglieder dürfen arbeiten, Rindfleisch und Languste sind strengstens verboten. Während in Havanna viele Paladare wegen der schwierigen Bedingungen wieder schließen mussten, läuft das Geschäft von Enrique und seiner Frau Deysis gut: „Gott sei Dank sind wir fast immer ausgebucht, unsere Kunden sind kultivierte und wohlhabende Ausländer“, sagt Enrique. „Das Essen schmeckt hervorragend, vor allen Dingen ist es eine willkommene Abwechslung zur normalen kubanischen Küche und die Atmosphäre stimmt“ erklärt Cameron, ein kanadischer Anwalt, warum er so gerne mit seiner Familie hierher kommt. Bevorzugt: Schweinefilet in Orangensauße, dazu Reis und frittierte Bananen. Zum Nachtisch gibt’s selbstverständlich Eis: Erdbeeren und Schokolade.

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