Der Lack ist ab – Wo bleiben Kubas Fort-Schritte

Kuba tritt ohne Not auf der Stelle. Mit ihren alten und neuen Schwachstellen ist die süße Sehnsuchtsinsel zu einem Ort geworden, der sich immer wieder gegen die wuselige Dynamik der eigenen Bevölkerung und die Freiraum fordernden Ideen zu stemmen scheint. Ein Ort wo Dynamik und Potential sicherheitshalber erst einmal ausgebremst werden. Ein Ort, an dem der Fortschritt eben keine Fahrt aufnimmt. Ein Land mit viel Potential, ohne viel Bewegung. Vielleicht war es schon immer so, nur ich hatte eine andere, eine dynamischere Sicht auf Kuba.

Natürlich gibt es viele sichtbare Veränderungen. Klar, die Altstadt von Havanna wird in großen Teilen immer properer, Eusebio Leal Spengler, Havannas Stadthistoriker versteht sein Handwerk. Immer mehr große Hotels werden gebaut. An der Infrastruktur für die unzähligen neuen Touristen aus aller Welt wird gebastelt. Der ein oder andere Markt eröffnet neu. Aber tiefergehende Veränderungen zum Wohle der Bevölkerung sucht man vergebens. Schon gar nicht in den unbeleuchteten Winkeln der Stadt und des Landes.

Was soll ich denken, wenn zum Beispiel ein Jahr nach dem ersten Besuch in einem Ministerium die Toilette gegenüber dem Konferenzraum immer noch kein Wasser hat. Hatte sie nicht letztes Jahr, hatte sie nicht dieses Jahr. Nicht die Toilette und nicht das Waschbecken. Im Prinzip lästig, aber ja nicht so schlimm, kennt man von Kuba, dass irgendwo Wasser fehlt. Augenzwinkern, geschenkt. Aber diesmal steht das fehlende Wasser für mich just an diesem Ort für Stillstand, aber auch für den wahrnehmbaren Mangel in jeder Hinsicht. 

Auch der Mangel an sich ist auf Kuba nichts Neues. Neu ist wahrscheinlich nur, dass ich nicht glauben kann, dass es trotz der vielen Änderungen und Ankündigungen und des großen Scheins kaum vorwärts geht. Die Lustlosigkeit und die Langeweile in den Gesichtern der Menschen scheint auszudrücken: ‚Anstrengung wird nicht belohnt’. Immer wieder treffen wir natürlich auch auf hoffnungsvoll viel Engagement –Quellen von blitzgescheiter Geisteskraft.

„Der Lack ist ab – Wo bleiben Kubas Fort-Schritte“ weiterlesen

Nach Stillstand kommt ‚Action‘

Ankündigungen zu Kuba-Themen

Jetzt sind drei Monate vergangen, in denen ich „Texte-zu-Cuba“ komplett habe schludern lassen.  Und dass obwohl es eigentlich viel zu sagen gegeben hätte. Hier der Versuch nachzuholen und anzukündigen:

Im Juli 2017 war ich mit einer deutschen Regierungsdelegation eine Woche in Havanna. Fotos dazu kann ich euch wegen der vielen Personen, die ich alle fragen müsste, leider nicht zeigen. Aber:

Unsere Stärke wurzelt in der Einheit. Haus in Havannas Stadtteil Vedado
Parfümerie 1791 in Habana Vieja

Diese beiden Fotos zeigen in meinen Augen perfekt das „neue“ und das „alte“ Kuba. Das „bewegliche“ und das „starre“ Kuba. Das „marktwirtschafliche“ und das „sozialistische“ Kuba. Die Gegensätze tun sich in Kuba in letzter Zeit immer stärker, immer öfter und immer eindeutiger auf. Die Parfümerie 1791 in der Altstadt von Havanna könnte auch ebenso in Rom oder Paris zu finden sein. Das Haus mit der Plakatierung nirgendwo anders als in Kuba. Die Insel ist überhäuft mit Revolutionsslogans – das macht sie auf jeden Fall sehr fotogen. Inwieweit die Parolen zum Durchhalten verhelfen, würde ich gerne einmal wissen…

Habana 1791: The perfume shop

Im Fernsehen:
Am 6. Oktober 2017 lief die Sendung ‚“Cuba Libre?“ – Eine Insel im Aufbruch‘  im WDR, in die ich zusammen mit dem Fotografen Tobias Hauser als ‚Expertin’ eingeladen war. Tatsächlich hatte mich die Redakteurin über diesen Blog gefunden. Die jeweils 3 – 4 Minuten langen Beiträge der Sendung sind sehr schön und informativ. Für alle diejenigen, die ein wenig mehr über Kuba wissen wollen, ohne bisher allzu tief eingestiegen zu sein, kann ich die Sendung auf jeden Fall empfehlen. Ebenso vorherige Sendungen über Kuba aus der Reihe ‚Planet Wissen.‘ https://www.planet-wissen.de/video-cuba-libre–eine-insel-im-aufbruch-100.html

Ende November nun war ich noch einmal beruflich in Kuba – diesmal in Sancti Spiritus, in einer kleinen Provinzhauptstadt im Herzen der Insel. Meine Eindrücke über den Wandel folgen. 

Und just beim Aufräumen meines Computers habe ich auch noch ein Filmchen gefunden – was jetzt, kaum 2 Jahre alt, schon wieder veraltet scheint. So rasant verändert sich Kuba an einigen Stellen. Kommt noch.

Anfang nächsten Jahres folgt die Rezension zu „Equalitiy“ Castros Erbe. Einer Dissertation ‚Zur Praxis gleichheitsorientierter Politik im kubanischen Sozialismus’ von Larissa Borkowski. 

„Im Takt der Revolution“ in Mazorra

‚Un momentico’ in Mazorra – Impressionen von einem Filmdreh an einem ‚verrückten’ Ort

Im Dezember 1998 haben der Autor und Filmemacher Stefan Tolz und ich mehrere Tage für den MDR den Beitrag „Im Takt der Revolution“ über das größte Blasorchester Kubas gedreht.

Einen kleinen Moment bitte heißt es beim Pförtner. Un momentico. Eine Situation, die an sich nicht weiter ungewöhnlich ist. Schon gar nicht in Kuba. ‚Un momentico‘ ist hier das Codewort für eine unbestimmte Wartezeit. Mit Kamera und Stativ stehen wir in den Startlöchern. Keine 500 Meter entfernt ist der Drehort: dort spielt das größte Blasorchester Kubas mit den besten Musikern dieser Insel. Auch das ist nicht weiter ungewöhnlich, zumindest nicht in Havanna, denn das Orchester spielt hier seit 40 Jahren jeden Dienstag- und jeden Freitagmorgen. Einzig ungewöhnlich ist, dass dieses Orchester weder für ein erlauchtes, noch für ein zahlendes Publikum spielt, sondern für die psychisch Kranken der größten psychiatrischen Heilanstalt Kubas: Mazorra in Havanna.

„„Im Takt der Revolution“ in Mazorra“ weiterlesen

Das kleine Privatrestaurant ‚Fresa y Chocolate‘ in Havanna lädt zum Speisen im filmischen Ambiente

Ein Königreich für Erdbeeren und Schokolade

Der Artikel ist aus dem Jahr 1999, als das Restaurant vor allem bei Prominenten berühmt war. Heute ist es vergrößert – und eine Goldgrube, so dass der Eigentümer das Haus bzw. den alten Palast auf eigene Kosten renovieren lässt, um den Bewohnern in den vielen kleinen Wohnungen rechts und links des Weges in seine oberste Etage u.a. wieder  Flure zu bescheren, über die man bedenkenlos laufen kann, ohne Angst zu haben, eine Etage tiefer zu landen.

Auf diesem Stuhl hat sie gesessen, die Königin Sofia von Spanien. Jetzt hängt der Stuhl an der Wand, umrandet von einem gemalten Thron, der Abbildung des Thrones, der seit 200 Jahren in Havanna darauf wartet, dass sich ein spanischer König draufsetzt.

Königin Sofia eilte bei dem ersten Besuch des spanischen Königpaares auf Kuba nicht zum Treffen der Staatschefs, auch nicht zur spanischen Botschaft, sondern zu ihrem höchst privaten Vergnügen in das mittlerweile legendäre Restaurant ‚Fresa y Chocolate‘ (Erdbeere und Schokolade) in Havanna. Hier speiste sie, begleitet von der Gattin des spanischen Ministerpräsidenten José Maria Aznar, des mittags in dem sonnendurchfluteten Raum in erlauchter Gesellschaft. Von den Wänden grüßen Stars und Sternchen aus dem Filmbusiness wie Jack Nicholson, Pierre Richard, Jean Paul Belmondo und Pedro Almodóvar. In edlen Rahmen verewigt, zeugen sie und andere Prominente mehr von ihrem Besuch bei ‚Fresa y Chocolate‘ oder La Guarida, wie das Restaurant offiziell heißt.

Restaurant 'Fresa y Chocolate' 1999, Foto dsp

 

Die Straße der Eintracht ist weder edel, noch die Gegend touristisch. Zufällig landet man nicht an diesem Ort, in diesem Haus. Der Zustand des in den 30er Jahren erbauten Gebäudes ist leicht marode, mittelmäßig verkommen. Doch die alte Pracht des Hauses ist sicht- und spürbar. Das Restaurant liegt im dritten Stock. Vorher passiert man ein offenes Zwischengeschoss, einen luxuriösen Flur, der Nutzungsraum der Hausgemeinschaft ist und mittlerweile beliebter Drehort für Fotoshootings. Ein Relikt großbürgerlicher Bauweise. Hier hängen die weißen Tischdecken von ‚Fresa y Chocolate‘ zum Trocknen und wehen fotogen im Wind.

„Das kleine Privatrestaurant ‚Fresa y Chocolate‘ in Havanna lädt zum Speisen im filmischen Ambiente“ weiterlesen