Der Lack ist ab – Wo bleiben Kubas Fort-Schritte

Kuba tritt ohne Not auf der Stelle. Mit ihren alten und neuen Schwachstellen ist die süße Sehnsuchtsinsel zu einem Ort geworden, der sich immer wieder gegen die wuselige Dynamik der eigenen Bevölkerung und die Freiraum fordernden Ideen zu stemmen scheint. Ein Ort wo Dynamik und Potential sicherheitshalber erst einmal ausgebremst werden. Ein Ort, an dem der Fortschritt eben keine Fahrt aufnimmt. Ein Land mit viel Potential, ohne viel Bewegung. Vielleicht war es schon immer so, nur ich hatte eine andere, eine dynamischere Sicht auf Kuba.

Natürlich gibt es viele sichtbare Veränderungen. Klar, die Altstadt von Havanna wird in großen Teilen immer properer, Eusebio Leal Spengler, Havannas Stadthistoriker versteht sein Handwerk. Immer mehr große Hotels werden gebaut. An der Infrastruktur für die unzähligen neuen Touristen aus aller Welt wird gebastelt. Der ein oder andere Markt eröffnet neu. Aber tiefergehende Veränderungen zum Wohle der Bevölkerung sucht man vergebens. Schon gar nicht in den unbeleuchteten Winkeln der Stadt und des Landes.

Was soll ich denken, wenn zum Beispiel ein Jahr nach dem ersten Besuch in einem Ministerium die Toilette gegenüber dem Konferenzraum immer noch kein Wasser hat. Hatte sie nicht letztes Jahr, hatte sie nicht dieses Jahr. Nicht die Toilette und nicht das Waschbecken. Im Prinzip lästig, aber ja nicht so schlimm, kennt man von Kuba, dass irgendwo Wasser fehlt. Augenzwinkern, geschenkt. Aber diesmal steht das fehlende Wasser für mich just an diesem Ort für Stillstand, aber auch für den wahrnehmbaren Mangel in jeder Hinsicht. 

Auch der Mangel an sich ist auf Kuba nichts Neues. Neu ist wahrscheinlich nur, dass ich nicht glauben kann, dass es trotz der vielen Änderungen und Ankündigungen und des großen Scheins kaum vorwärts geht. Die Lustlosigkeit und die Langeweile in den Gesichtern der Menschen scheint auszudrücken: ‚Anstrengung wird nicht belohnt’. Immer wieder treffen wir natürlich auch auf hoffnungsvoll viel Engagement –Quellen von blitzgescheiter Geisteskraft.

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Shoppen in Havanna

Das Video habe ich im Herbst 2015 aufgenommen und dann nie online gestellt. Über zwei Jahre später nun beweist es, wie schnell sich die Dinge in Kuba verändern. Denn mein Verweis darauf, dass Havanna nicht zum Klamotten-Shoppen verführt, weil es eben keine entsprechenden Geschäfte gibt, überholt sich gerade. Jetzt muss es heißen: inzwischen gibt es eine Menge Geschäfte, aber vor allen Dingen so etwas wie Luxusinseln. Einige perfekt sanierte Plätze in der Altstadt bieten Luxusboutiquen Raum, ebenso aber neue Hotels wie das Kempiniski am Rande der Altstadt, wo man genau ‚Gucci, Prada und Co’ kaufen kann. Jedes Mal entdeckt das geschulte Auge ein bisschen mehr Glemmer in Havanna. Absurd, weil der ‚Mittelbau’ fehlt. In einer Stadt, in der die meisten Menschen offiziell immer noch nur zwischen 20 und 60 CUC (Dollar) monatlich verdienen, gibt es Geschäfte, in denen günstigstenfalls Accessoires nur 60 CUC kosten.

Aber Kunst kaufen geht immer. Insgesamt hat das Thema Kunst auf Kuba aber einen eigenen Beitrag verdient. 

Und wenn der vorige Blogeintrag das Gleichsein in Kuba betrachtet, so ist sicher, dass wir hier ‚on the top auf ungleich’ gelandet sind. Denn Zugang zu solchen Artikeln haben Auslandskubaner oder Ausländer, aber sicher nicht der ‚normal’ verdienende Inselkubaner.

Ein kleiner Schwank: Als ich Ende der 90iger Jahre mehrere Monate auf Kuba lebte, wurde mir in einer Privatunterkunft mein schwarzes schlichtes Lieblingskleid aus dem Zimmer geangelt. Also musste ich mir ein neues Kleid zulegen. Ich ging in die typischen kubanischen Geschäfte, die ich sonst links liegen ließ und kaufte ein Kleid aus dem Stretchmaterial, das in Kuba seit Jahrzehnten en vogue ist und das Speckfalten nicht nur nicht verschweigt, sondern umgekehrt jede einzelne Wölbung hervorhebt. Wohl oder übel gewöhnte ich mich an mein neues Outfit. Dankbar war ich jedenfalls schnell, dass ich nicht mehr sofort als Ausländerin identifiziert wurde und somit auch aus dem Visier der Straßenverkäufer und Anquatscher geriet.