Der Lack ist ab – Wo bleiben Kubas Fort-Schritte

Kuba tritt ohne Not auf der Stelle. Mit ihren alten und neuen Schwachstellen ist die süße Sehnsuchtsinsel zu einem Ort geworden, der sich immer wieder gegen die wuselige Dynamik der eigenen Bevölkerung und die Freiraum fordernden Ideen zu stemmen scheint. Ein Ort wo Dynamik und Potential sicherheitshalber erst einmal ausgebremst werden. Ein Ort, an dem der Fortschritt eben keine Fahrt aufnimmt. Ein Land mit viel Potential, ohne viel Bewegung. Vielleicht war es schon immer so, nur ich hatte eine andere, eine dynamischere Sicht auf Kuba.

Natürlich gibt es viele sichtbare Veränderungen. Klar, die Altstadt von Havanna wird in großen Teilen immer properer, Eusebio Leal Spengler, Havannas Stadthistoriker versteht sein Handwerk. Immer mehr große Hotels werden gebaut. An der Infrastruktur für die unzähligen neuen Touristen aus aller Welt wird gebastelt. Der ein oder andere Markt eröffnet neu. Aber tiefergehende Veränderungen zum Wohle der Bevölkerung sucht man vergebens. Schon gar nicht in den unbeleuchteten Winkeln der Stadt und des Landes.

Was soll ich denken, wenn zum Beispiel ein Jahr nach dem ersten Besuch in einem Ministerium die Toilette gegenüber dem Konferenzraum immer noch kein Wasser hat. Hatte sie nicht letztes Jahr, hatte sie nicht dieses Jahr. Nicht die Toilette und nicht das Waschbecken. Im Prinzip lästig, aber ja nicht so schlimm, kennt man von Kuba, dass irgendwo Wasser fehlt. Augenzwinkern, geschenkt. Aber diesmal steht das fehlende Wasser für mich just an diesem Ort für Stillstand, aber auch für den wahrnehmbaren Mangel in jeder Hinsicht. 

Auch der Mangel an sich ist auf Kuba nichts Neues. Neu ist wahrscheinlich nur, dass ich nicht glauben kann, dass es trotz der vielen Änderungen und Ankündigungen und des großen Scheins kaum vorwärts geht. Die Lustlosigkeit und die Langeweile in den Gesichtern der Menschen scheint auszudrücken: ‚Anstrengung wird nicht belohnt’. Immer wieder treffen wir natürlich auch auf hoffnungsvoll viel Engagement –Quellen von blitzgescheiter Geisteskraft.

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Die mühsame Recherche über die Auswirkungen der Schallattacken

Wenn ich nur den Begriff „Schallattacke“ bei google eingebe, erhalte ich 9.000 Treffer. Die meisten beziehen sich auf das, was amerikanischen Diplomaten in Kuba passiert ist. Die Tagesschau macht im Oktober auf mit „Die USA warnen vor Reisen nach Kuba“. Spiegel online schreibt: „Angebliche ‚Schallattacken’ rauben US-Diplomaten das Gehör.

Wenn es so reißerisch losgeht, klingeln bei geschulten Lesern und Journalisten die Alarmglocken. Aber was ist mit den Lesern, Hörern und Zuschauern, die nicht jeden Titel, jede Nachricht hinterfragen wollen? Die erst einmal glauben, was ‚seriöse’ Medien von sich geben?

Diejenigen unter euch, die die kubanischen ‚Schallattacken’ verfolgt haben, haben eventuell vermutet, dass es noch um etwas anderes ging, als um attackierte Diplomaten, die schwere Gesundheitsschäden davon trugen. Aber um was? Und hat jeder Zeit sich damit zu beschäftigen? Eigentlich ist dann ja alles Weitere ein Haufen von Mutmaßungen. Was wollen die USA mit dem ungeheuren Vorwurf erreichen? Reisewarnungen wurden ausgesprochen und vielfach wiederholt. Warnstufe 3 (von möglichen vier). Mit der Warnstufe 3 steht Kuba aus Sicht des Amerikanischen Außenministeriums auf einem Level mit der Demokratischen Republik Kongo und Nigeria. Gefährlicher wird’s nur noch in Nord Korea. Stufe 4: do not travel!

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Aus dem Leben der ‚Jinetera’ Barbarita im Jahr 1998

Dieses Interview stammt aus einer Reihe von Interviews, die ein spanischer Soziologe 1998 in Havanna aufgezeichnet hat.  Einige von ihnen habe ich gekürzt und übersetzt.

Barbarita: Jinetera und Mutter von Michael

…ich habe angefangen, mit Männern Kontakt zu haben, als ich noch ein Mädchen war
Ich habe schon viele Männer gehabt. Jetzt bin ich 36 Jahre alt. Das erste Mal war ich noch sehr jung – 14 Jahre alt -, einen Monat bevor ich 15 geworden bin.

Mit 16 Jahren habe ich geheiratet, er war der Vater meines ersten Sohnes. Wir waren nur drei Monate zusammen. Ich habe ihn in einer der Stranddiskotheken kennengelernt, in die ich immer gegangen bin. Die Beziehung hat nicht funktioniert, weil er es nicht aufrichtig meinte mit mir: Ich bin in der kurzen Zeit schwanger geworden und er hat aufgehört, mich zu besuchen. Das war meine erste Schwangerschaft. Ich war ziemlich desillusioniert.

Als ich im dritten oder vierten Monat war, habe ich zufällig einen Freund von ihm getroffen, der mir sagte, dass er aus Kuba weg sei. Ich wußte nicht, dass seine ganze Familie bereits außerhalb von Kuba lebte. Er wartete nur auf seine Ausreise und vor dem Hintergrund war ihm alles egal. Er hat seinen Sohn nie gesehen. Mein Sohn wirft mir vor, dass er nichts von seinem Vater weiß und ich sage ihm nur, dass sein Vater in den USA ist.

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„Cuba te complica la vida“

Sequenzen aus einer Unterhaltung mit Fernando 1998 – also mitten in der ‚Sonderperiode zu Friedenszeiten.

Fernando: Hiermit geht’s schon los: früher gab es nur russische Filme, heute nur amerikanische, kaum europäische. Frei nach dem Motto des in Kuba immer zutreffenden Spruchs: no llegamos o lo pasamos. Bedeutet: „Entweder kommen wir gar nicht erst an, oder wir brettern vorbei.“ Wir Kubaner kennen keine Ausgewogenheit. Ich nenne dir mal ein paar Beispiele, an denen du erkennen kannst, wie verrückt unser Land ist:

A) ABSURD: Was brauchst du als Kubaner, wenn du ausreisen, Kuba verlassen willst: Du wirst eingeladen. Der, der einlädt geht in seinem Heimatland zur kubanischen Botschaft und unterschreibt die formularähnliche Einladung. Er unterschreibt, dass er alle Reisekosten, Übernachtung sowie Krankenversicherung – einfach alle Kosten übernimmt. Der Brief geht über den diplomatischen Weg nach Kuba und wird dir per Post zugestellt.

Mit der Einladung plus der Bewilligung von deinem kubanischen Arbeitgeber (plus Geburtsurkunde) gehst du zur Immigrationsbehörde. Die prüft deinen Status, Militär, Gefängnis…., wenn alles o.k. ist kriegst du den Wisch nach Hause geschickt. Mit dem gehst du dann zur entsprechenden Botschaft des Gastlandes, um dir dort das Visum ausstellen zu lassen. „„Cuba te complica la vida““ weiterlesen

„Im Takt der Revolution“ in Mazorra

‚Un momentico’ in Mazorra – Impressionen von einem Filmdreh an einem ‚verrückten’ Ort

Im Dezember 1998 haben der Autor und Filmemacher Stefan Tolz und ich mehrere Tage für den MDR den Beitrag „Im Takt der Revolution“ über das größte Blasorchester Kubas gedreht.

Einen kleinen Moment bitte heißt es beim Pförtner. Un momentico. Eine Situation, die an sich nicht weiter ungewöhnlich ist. Schon gar nicht in Kuba. ‚Un momentico‘ ist hier das Codewort für eine unbestimmte Wartezeit. Mit Kamera und Stativ stehen wir in den Startlöchern. Keine 500 Meter entfernt ist der Drehort: dort spielt das größte Blasorchester Kubas mit den besten Musikern dieser Insel. Auch das ist nicht weiter ungewöhnlich, zumindest nicht in Havanna, denn das Orchester spielt hier seit 40 Jahren jeden Dienstag- und jeden Freitagmorgen. Einzig ungewöhnlich ist, dass dieses Orchester weder für ein erlauchtes, noch für ein zahlendes Publikum spielt, sondern für die psychisch Kranken der größten psychiatrischen Heilanstalt Kubas: Mazorra in Havanna.

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Das kleine Privatrestaurant ‚Fresa y Chocolate‘ in Havanna lädt zum Speisen im filmischen Ambiente

Ein Königreich für Erdbeeren und Schokolade

Der Artikel ist aus dem Jahr 1999, als das Restaurant vor allem bei Prominenten berühmt war. Heute ist es vergrößert – und eine Goldgrube, so dass der Eigentümer das Haus bzw. den alten Palast auf eigene Kosten renovieren lässt, um den Bewohnern in den vielen kleinen Wohnungen rechts und links des Weges in seine oberste Etage u.a. wieder  Flure zu bescheren, über die man bedenkenlos laufen kann, ohne Angst zu haben, eine Etage tiefer zu landen.

Auf diesem Stuhl hat sie gesessen, die Königin Sofia von Spanien. Jetzt hängt der Stuhl an der Wand, umrandet von einem gemalten Thron, der Abbildung des Thrones, der seit 200 Jahren in Havanna darauf wartet, dass sich ein spanischer König draufsetzt.

Königin Sofia eilte bei dem ersten Besuch des spanischen Königpaares auf Kuba nicht zum Treffen der Staatschefs, auch nicht zur spanischen Botschaft, sondern zu ihrem höchst privaten Vergnügen in das mittlerweile legendäre Restaurant ‚Fresa y Chocolate‘ (Erdbeere und Schokolade) in Havanna. Hier speiste sie, begleitet von der Gattin des spanischen Ministerpräsidenten José Maria Aznar, des mittags in dem sonnendurchfluteten Raum in erlauchter Gesellschaft. Von den Wänden grüßen Stars und Sternchen aus dem Filmbusiness wie Jack Nicholson, Pierre Richard, Jean Paul Belmondo und Pedro Almodóvar. In edlen Rahmen verewigt, zeugen sie und andere Prominente mehr von ihrem Besuch bei ‚Fresa y Chocolate‘ oder La Guarida, wie das Restaurant offiziell heißt.

Restaurant 'Fresa y Chocolate' 1999, Foto dsp

 

Die Straße der Eintracht ist weder edel, noch die Gegend touristisch. Zufällig landet man nicht an diesem Ort, in diesem Haus. Der Zustand des in den 30er Jahren erbauten Gebäudes ist leicht marode, mittelmäßig verkommen. Doch die alte Pracht des Hauses ist sicht- und spürbar. Das Restaurant liegt im dritten Stock. Vorher passiert man ein offenes Zwischengeschoss, einen luxuriösen Flur, der Nutzungsraum der Hausgemeinschaft ist und mittlerweile beliebter Drehort für Fotoshootings. Ein Relikt großbürgerlicher Bauweise. Hier hängen die weißen Tischdecken von ‚Fresa y Chocolate‘ zum Trocknen und wehen fotogen im Wind.

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Überlebensstrategien auf kubanisch

Inventar la vida – auf Kuba erfinden sich die Menschen ihr Leben jeden Tag neu

Der Text ist von 1998. An dem unzureichenden Gehalt hat sich nichts geändert, der kubanische Erfindungsreichtum im Nebenverdienst ist nach wie vor gefragt. Heute sind einige der beschriebenen Jobs als ‚Selbständige‘, sogenannte ‚Cuenta Propistas‘ offiziell möglich.

Ein bisschen erschöpft sieht er aus. Schließlich arbeitet Roberto jeden Tag von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr im Innenministerium und erstellt Fahrpläne und Routen für Regierungsmitglieder. Nachts sitzt er im Taxi und kämpft dafür, dass das Geld, das er tagsüber nicht verdient, reinkommt. Sein staatliches Gehalt beträgt 10 Dollar, doch das reicht hinten und vorne nicht. Nach der Arbeit geht er nach Hause, isst mit seiner Frau zu Abend und steigt dann um 20.00 Uhr in seinen Lada, um bis nach Mitternacht Taxi zu fahren. So sitzt er vier bis fünf Nächte die Woche in seinem beigen Lada, fährt durch die Straßen von Havanna und raunt den Leuten „Taxi, Taxi“ zu. Am liebsten fährt er Ausländer, nur das lohnt sich wirklich. Natürlich ist der Job illegal: sein Wagen ist nicht als Taxi gekennzeichnet, die Kunden schwierig zu finden und sein Job gefährlich. Denn wenn er erwischt wird, kostet ihn das Minimum 150 Dollar Strafe. Aber egal, das Taxifahren sichert sein Leben und bringt ihm 80 bis 100 Dollar zusätzlich im Monat.

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Auferstanden aus Ruinen

Das klassische Ballett Pro Danza in Havanna hat kaum Mittel, dafür Erfolg – aus dem Jahr 1999

Ihre Eleganz ist bestechend, ihre Geschmeidigkeit verblüffend und ihr Lächeln unverkrampft und natürlich. Lisbeth, Mitglied und Solotänzerin in der Kompanie Pro Danza von Laura Alonso in Havanna, verzaubert ihr Publikum, wenn sie sich mit grazilen Sprüngen über das Parkett bewegt. Ihr Haar ist mit bunten Spangen zu einem Dutt zusammengefasst. Ihr dunkler Teint hebt sich ab von dem hellen Kostüm, das sie trägt. Lisbeth vereinigt die reizvollen Attribute im klassischen Ballett, die kubanische Tänzer im Ausland so beliebt machen. „Sie haben die Fröhlichkeit der Kubaner auf der einen und die Perfektion der Russen auf der anderen Seite“, beschreibt Radel, ihr Ehemann und ebenfalls Tänzer in der Kompanie die Kombination aus Leichtigkeit und Disziplin. Dabei sind die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, alles andere als optimal: die Ballettschuhe sind zerlöchert, die Kleidung verschlissen, der Boden wackelig, die Räume zu klein, das Gehalt ein Witz – und trotzdem, sind sie mit vollem Herzen dabei. Ihre größte Hoffnung ist es, für eine Zeit ein Engagement im Ausland zu bekommen.

Lisbeth, Pro Danza 1999, Foto dsp

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„So sehe ich Cuba“

Impressionen der neunjährigen Joana – aus dem Jahr 1998

Zwillingsschwestern

Mein Name ist Joana. Ich bin neun Jahre alt. Ich lebe zusammen mit meiner Mutter, ihrer Zwillingsschwester Barbara und der Tochter von Barbi, Shamira, meiner Cousine in einem kleinen Häuschen in Havanna. Havanna ist die Hauptstadt von Kuba, einer Insel mitten in der Karibik. Kuba ist die größte der Antillen und liegt nahe am amerikanischen Festland. Die ungezählten anderen und teilweise klitzekleinen Inselchen erstrecken sich ostwärts von Kuba.

Wir leben in der Hauptstadt Havanna, einer wunderschönen Stadt, die wegen ihrer alten und wertvollen Bauwerke und Architektur sogar zum Weltkulturerbe erklärt wurde, einer ganz besonderen Auszeichnung. Aber das schönste an Havanna ist, dass es am Meer liegt. Die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, hat 2 Mio. Einwohner. Insgesamt leben 11 Mio. Menschen auf Kuba. Wir sprechen alle spanisch, weil wir vor 500 Jahren durch Christopher Columbus entdeckt und durch die Spanier erobert worden sind.

Das wirklich spezielle an diesem Land ist, dass wir alle eine verschiedene Hautfarbe haben. Mein Vater zum Beispiel ist weiß, er ist Spanier. Meine Mutter ist – wie Ihr seht – sehr schwarz. Ich bin ein bisschen heller als sie. Auch in meiner Klasse gibt es von schwarz bis weiß alle Hautfarben. Das ist ganz normal auf Kuba. „„So sehe ich Cuba““ weiterlesen